Leben Intro

Die eindrücklichsten und pointiertesten Kommentare zu Christine Nöstlinger Büchern, zu ihren Ansichten und auch zu ihrem Leben stammen meistens von ihr selbst. In dieser Biographie wollen wir daher Christine Nöstlinger selbst zu Wort kommen lassen. Der Text basiert weitgehend auf Passagen und Originalzitaten aus dem Buch „Glück ist was für Augenblicke“ von Christine, erschienen 2013 im Residenzverlag.

1936
1945
Kindheit und Krieg

Leben Block1

Leben_1938_mitOma

„Ich kann mit dem Begriff ‚glückliche Kindheit‘ wenig anfangen. Ich kann nur sagen, dass ich in meiner Kindheit so heftige Glücksgefühle hatte wie später nie mehr. Und ebenso gewaltige Unglücksgefühle wie später nie mehr.“

Stockholmer Rede, 2003, anlässlich der Verleihung des Astrid Lindgren Memorial Awards

Foto: Christine als 2-Jährige mit ihrer Mutter

Leben Block 2

Christine wird am 13. Oktober 1936 geboren und wächst mit ihren Eltern, Großeltern und der fünf Jahre älteren Schwester Lisl im 17. Wiener Gemeindebezirk Hernals auf. Es wurde oft geschrieben, sie stamme aus dem Hernalser Arbeitermilieu. Das stimmt zwar für ihr Umfeld, aber nicht für die eigene Familie: Ihre Mutter ist Kindergärtnerin und ihr Vater Uhrmacher.

„In den ersten drei Jahren betreute mich mein Vater, der wie damals viele andere auch arbeitslos war. Dass er mich auch in der Nacht betreute, obwohl da meine Mutter daheim war, lag am Aufzuchtszwist der beiden, mein Vater hielt nämlich nichts von Windeln ... ich schlief unten ohne. Und war mein Leintuch nass, kroch ich zu ihm rüber und schlief bei ihm weiter. ... Ich kann mich natürlich nicht mehr daran erinnern, aber sooft ich die Geschichte von ihr [meiner Mutter] hörte, wurde mir ganz warm und wohlig im Bauch.“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

Der Vater geht fort

1936 regiert in Österreich der Austrofaschismus. Christine ist zwei Jahre alt, als Hitler unter Jubel in Österreich einmarschiert und drei Jahre, als der 2. Weltkrieg beginnt.

Ihr Vater muss schon 1939 als Soldat nach Polen.

Ihren Vater liebt sie über alles. Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist dagegen ambivalent. In den Augen der Mutter ist sie ein wildes und wütendes Kind, jedenfalls wilder und frecher als die meisten anderen Kinder. Das hat jedoch weniger mit ihrem Charakter als mit dem Familienklima zu tun, wo es keine Strafen oder Watschen gibt.

Der Vater muss fort 2

„... erinnern kann ich mich daran nicht. Ich weiß aber noch, wie er nach dem kurzen Heiratsurlaub, bevor er wegging, bei der Wohnungstür stand, in Uniform, mit Stahlhelm und Gewehr. Wenn ich so nachdenke über traurige Bilder, die ich im Lauf der Zeit angesammelt habe, ist das sicher das traurigste.“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

Foto: Der Vater im Krieg

DerVaterMussFort_2

Eine politische Familie

In der sozialistischen Familie wird viel und offen über Politik diskutiert. Christine weiß schon als Volksschulkind genau, wer in ihrer Umgebung ein Nazi-, ein Kommunisten- oder ein Sozialistenkind ist. Dass der eigene Onkel (der Bruder der Mutter) ein Nazi und hoher SS-Funktionär ist, führt zu Spannungen in der Familie, die offen ausgetragen werden:

 

„Einmal, mitten im Krieg, als er [der Onkel] – in SS Uniform – zu uns auf Besuch kam, sagte er zu meiner Mutter: ,... die Juden gehen alle durch den Rauchfang!‘ Da sprang meine Mutter auf und haute ihm eine runter. Ich stellte mir vor, wie das aussieht, wenn Menschen durch den Rauchfang gehen. Später sah ich genau das … auf einem Bild von Chagall. Ein kleines Haus, über dem ein Engel schwebt.“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

Die widerständige Mutter

Die Mutter weigert sich, im Kindergarten die nationalsozialistische Pädagogik zu unterstützen. Das bringt ihr ein Disziplinarverfahren und mehrere Gestapo-Verhöre ein. 1943 wird sie in Frühpension geschickt. Christine lernt dadurch, was ziviler Widerstand bedeutet.

Ihre kindliche Sicht beschreibt sie 2015 in ihrer Gedenkrede zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen:

„Einer der wenigen Juden, die ... bei uns in der Gegend gelebt hatten, war der Herr Fischl ... oft redete meine Mutter von ihm. Weil sie ein paar Tage nach dem Einmarsch der Deutschen ... gesehen hatte, wie eine Horde SA-Männer den Herrn Fischl erst zwang, mit einem Zahnbürstl irgendeine Anti-Nazi-Parole vom Gehsteig zu putzen, und ihn dann auf einem Laster abtransportierte.

Und immer sagte sie zum Schluss: ‚Wenn ich euch Kinder nicht gehabt hätte, wäre ich dreingefahren und hätt‘ den Fischl rausgeholt.‘

Klein wie ich war, glaubte ich, dass ihr das gelungen wäre und hatte irgendwie das Gefühl, schuld dran zu sein, dass der Fischl ins KZ gekommen war.“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

Maikäfer flieg

Für das Volksschulkind Christine ist der Krieg Alltagsrealität: Sie kennt den Terror des Naziregimes, die Angst vor Bomben, das bange Warten im Schutzkeller, das Ausgebombtsein. Sie beschreibt es beeindruckend in ihrem Roman „Maikäfer flieg“ (1973), der 2016 verfilmt wurde: die Rückkehr des schwer verletzten Vaters aus dem Krieg 1944, der desertierte und sich vor den Nazis versteckt halten musste, der Einmarsch der russischen Truppen in Wien, und das lang erwartete Ende des Zweiten Weltkriegs.

Foto: © Kranzelbinder Film 2016

MaikaeferFlieg
1945
1954
Als Jugendliche den Frieden erlernen

1945 Poppel Folgeblock

„Für mich war der Krieg vorbei, als wir wieder in unsere Wohnung zogen, irgendwann im Sommer ... den Krieg hatte ich gut gekannt, im Krieg hatte ich mich ausgekannt. Den Frieden musste ich erst lernen.“

Aus: Ursula Pirker: „Christine Nöstlinger. Die Buchstabenfabrikantin.“ Molden Verlag, 2007. S. 24/25

In „Zwei Wochen im Mai“ (1988) beschreibt Christine,  wie der Frieden erst einmal erlernt werden musste. Die Familie ist arm. Der Vater arbeitslos, die Mutter in Frühpension. Ihre Freundinnen und Freunde aus der Volksschulzeit gehen in die Hauptschule, aber Christine wird, wie auch die große Schwester vor ihr, ins Gymnasium geschickt. Die Schwester ist eine viel gelobte Vorzugsschülerin, aber kein Vorbild für Christine. Die ersten Jahre im Gymnasium bedeuten vor allem eine Konfrontation mit sozialen Unterschieden. Plötzlich gehört sie nicht mehr so richtig dazu, muss neue Freundschaften schließen mit Töchtern aus der Oberschicht, und den in den Kriegsjahren versäumten Schulstoff nachholen.

„Und Hochdeutsch konnte ich schon gar nicht, aber im Gymnasium musste man ‚schön‘ reden. Also meldete ich mich auch nicht, wenn ich etwas wusste, weil ich jeden gedachten Satz erst in die Fremdsprache ‚Schön‘ übersetzen musste.  Mein erstes Zeugnis war völlig mies ...“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

Große Autoren

Christine erinnert sich an ihre Schulzeit:

„Irgendwelche Hinweise darauf, dass aus mir eine Schriftstellerin werden könnte, sehe ich für meine Schulzeit nicht einmal rückblickend. Meine Aufsätze wurden schlecht benotet, was ich schrieb, gefiel halt der werten Frau Professor nicht ... aber mich grämte das nicht im Geringsten. Eine schlechte Note auf eine Mathematikarbeit hätte mich wesentlich mehr gestört. Und auf meine schlechte Note in Betragen war ich sogar unheimlich stolz, sie zeugte davon, dass ich mich etwas traute...“

Aus: „Christine Nöstlinger. Die Buchstabenfabrikantin“

Christine beginnt sich für Literatur zu interessieren. Sie liest alles, was ihr zwischen die Finger kommt. Sie liebt vor allem Erich Kästner, zum Beispiel „Pünktchen und Anton“ oder den „Fabian“, für den sie sich allerdings ein glücklicheres Ende wünscht, das sie sich dann auch gleich ausdenkt.
Wirklich wohl fühlt sich Christine im Gymnasium erst ab der Oberstufe (1951). Die Scham über die armen Verhältnisse, aus denen sie stammt, macht einer politischen Empörung über die Ungerechtigkeit solcher Zustände Platz. Aus dieser Zeit stammen auch die engen Freundschaften mit den besten Freundinnen Poldi und Andi. Christine über ihre besten Freundinnen:

„Ein Judenkind, ein Nazikind und ein Sozikind, das war gar keine üble Mischung.“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

1954
1969
Tränen, Frust und Kinderkriegen

bio 1954 - 1969 erster block

Christine maturiert 1954 und besteht gleich darauf ihre Aufnahmeprüfung an der Akademie für angewandte Kunst. Im Gymnasium gilt sie nämlich als absolutes Zeichentalent. Mit einem Begabtenstipendium beginnt sie, Gebrauchsgrafik zu studieren.

MutterMit18

Tucholsky hilft

Ihr Verständnis der Welt bezieht sie jedoch weiterhin aus der Literatur. Kurt Tucholsky wird ihre oberste Leseinstanz, neben Brecht, Ringelnatz, Kästner für Erwachsene und ähnlichen Gleichgesinnten. Sie sieht die Welt aber vor allem durch eine „Tucholsky-Brille“.

„... und mehr als ein halbes Jahrhundert später glaube ich noch immer, dass das nicht die schlechteste Sehhilfe ist, egal ob es um Politik, Freundschaft oder Liebe geht.“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke

Ein Pferd von vorne unten im Galopp zeichnen können

Auf der Akademie lernt Christine Menschen kennen, die ihrer Ansicht nach sehr viel größeres Talent haben, sie findet sich selbst nur mittelmäßig. Und so verliert sie zunehmend Motivation und Interesse am Studium. Nach zwei Jahren an der Akademie gibt sie auf und nimmt einen Bürojob bei einem Wiener Zeitungsverlag an.

Ein trauriges Ereignis

Mit 21 lernt sie Peter kennen. Mit diesem schönen Mann, einem Multitalent mit Angst vor der Realität und jeder Art von emotionaler Bindung passiert ihr die große Liebe. Aber die hält nicht lange. 1957 heiraten sie, weil sie schwanger geworden ist. Sie verliert das Baby kurz nach der Geburt. Dieses traumatische Ereignis beschreibt sie viele Jahre später:

„Mein erstes Kind starb, als es zwei-drei-oder-vier Tage alt war. Ich weiß das nicht mehr so genau. Zu seiner Geburt brauchte ich zwei-drei-oder-vier Tage. Ich weiß auch das nicht mehr, und es hat keinen Sinn, da Erinnerungen heraufholen zu wollen. Es geht nicht. Nicht, daß ich nicht will, ich kann nicht. Nur Unwichtiges kommt hoch...“

Aus: „Ein vollgepackter Rucksack“

Die Falle

„Da war das Gefühl: ich sitze in der Falle. Ich hab mich ausgeliefert. An einen Mann. An ein Kind. An die Gegebenheiten der kleinbürgerlichen Gesellschaft. ... Und dann: der Mann, der das Kind gezeugt hat, wünscht sich ja gar keines. Tut so, als habe ich ihn in die Falle gelockt. Da sitzen also zwei in der Falle und geben sich gegenseitig die Schuld. Aber er hat eine schönere Falle, mit besserer Aussicht und mehr Bewegungsfreiheit. Wir sitzen jedenfalls nicht zusammen in einer gemeinsamen Falle ...“

Aus: „Ein vollgepackter Rucksack“

1959 wird die Tochter Barbara geboren, Christine ist wieder zu ihren Eltern zurückgezogen, die Ehe mit Peter wird bald darauf einvernehmlich geschieden. Es werden keine großen Konflikte ausgetragen, es gibt aber auch keine großen Gemeinsamkeiten. Und vor allem keine gemeinsame Zukunft.

MutterBeimRudiOnkel

Belesen und witzig

MuttiBluemchenkleid

1961 verlieben sich die Christine und der Ernstl, von seinen Freunden auch Nö genannt, ineinander. Ein Student der Zeitungswissenschaften aus Oberösterreich. Lustig, gebildet, intellektuell, so beschreibt sie ihn in ihrer Autobiografie. Mit ihm verbringt sie viel Zeit bei intellektuellen Diskussionsrunden in diversen Wiener Cafés, es wird über Politik, Philosophie, Literatur und große gesellschaftliche Utopien diskutiert.

Foto: Christine diskutiert

Jetzt Hausfrau

Christine wird bald wieder schwanger, ungeplant wie die früheren Schwangerschaften. Außer Kondomen und der Berechnung der fruchtbaren Tage gibt es ja noch keine zuverlässigen Verhütungsmittel. So kommt Tochter Christiana auf die Welt. Weil man wegen eines Kindes halt noch heiratet, wird aus Christine Draxler Christine Nöstlinger.

„Die Passbeamten erledigten das damals noch handschriftlich. Der Beamte strich das Draxler durch und ersetzte es durch das ungeliebte Nöstlinger ... er zog auch einen dicken Linealstrich durch ‚Studentin‘ und schrieb in Schönschrift drunter: ‚Hausfrau‘.

Das war ein Schock. ... Eine Hausfrau hatte ich nie werden wollen, und jetzt hatte ich es schriftlich, dunkelblau auf zartrosa.“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

Die Männer reden gescheit, die Frauen kochen

Kinderkriegen, Emanzipation und die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern werden später konstante Themen in ihren Erzählungen. Christine, jung und zweifache Mutter, macht sich jetzt schon Gedanken über den Gender-Diskurs, der in den frühen 60er-Jahren in der Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen geführt und gelebt wurde:

„Ich kannte keine Frau in meinem Alter, die freiwillig ‚Nur Hausfrau‘ war. Alle wollten arbeiten gehen und einen Beruf haben. Die zufriedenen Hausfrauen gab es nur unter unseren Müttern und Schwiegermüttern ...“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

So geht das nicht weiter

Als Hausfrau langweilt sie sich zunehmend. Zeichnen und Schreiben erscheinen ihr als Ausweg aus ihrer Unzufriedenheit mit dem Hausfrauendasein. Ein Lektor empfiehlt ihr, doch auch gleich die Geschichte zu den Bildern zu erfinden. So entsteht 1968 ihr erstes Buch: „Die Feuerrote Friederike“. Mehr als ein Jahr bastelt sie daran herum, und es wird – so wie es ist – vom Verlag Jugend & Volk angenommen, aber noch nicht gedruckt.

1970
1980
Ausbruch und Aufbruch

Friederike

FF_kater

Mit der Feuerroten Friederike gelingt es ihr, in Österreich eine neue Zeit in der Kinder- und Jugendliteratur einzuläuten. Zumindest wird das ihrem Debütwerk sehr oft zugeschrieben, das heute als Klassiker der Kinderliteratur gilt. Das zentrale Thema dieses Buches ist „Mobbing“. Damals gab es diesen Begriff noch nicht. Aber Kinder, die ausgegrenzt, gehänselt und mit Gewalt konfrontiert waren, gab es sehr wohl. So ein Kind ist die Hauptfigur, die dicke Friederike mit ihren roten Haaren, die Zauberkräfte besitzt, um sich gegen die Gewalt zu wehren. Das Buch wird auf Anhieb ein großer Erfolg.

Friederike 2

Christine über die Entstehungsgeschichte diese Buches:

„Im Kopf hatte ich die Geschichte längst fertig, und ,the story behind the story‘ auch. Das wusste ich ja aus unzähligen Abenden, an denen kluge Männer vor mir über Literatur geredet hatten. Eine Geschichte ... hatte zwei Ebenen zu haben. Meine zweite Ebene war die Utopie vom Land, in dem alle Menschen frei und gleich und daher glücklich sind.“

Interview in Der Standard, 13/09/2013

FF_Friederike

Vom pädagogischen Werk zur Kinderliteratur

Der Wind der 68er weht jetzt auch mit Verspätung in Österreich. In der Kinderliteratur wird mehr Selbstständigkeit der Kinder und kritisches Hinterfragen von fertigen Denkmustern gefordert. Christines Bücher verkörpern das wie andere kaum. Und so geht plötzlich alles sehr schnell. Es kommen Einladungen zu Lesungen und Tagungen über Kinderliteratur, die sie gerne annimmt. Sie schreibt in jeder freien Minute. Und so gelingt ihr – mit Unterstützung der eigenen Mutter, die bei der Kinderbetreuung hilft – der Wechsel von der Vollzeit-Mutter zur Vollzeit- Schriftstellerin.

Als die Feuerrote Friederike 1970 endlich als Buch erscheint, hat sie bereits zwei neue Manuskripte fertig: Die Kinder aus dem Kinderkeller und Mr. Bats Meisterstück, das später als Kinderfortsetzungsroman auf der Kinderseite des Magazins „Stern“ erscheint.

Der erste Preis

1972 erhält sie ihre erste Auszeichnung, den Friedrich Bödecker Preis, der an AutorInnen vergeben wird, die zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendliteratur und zu neuen Formen des entdeckenden Lesens beitragen. Christine erhält diesen Preis für fünf Kinderromane, die sie bis dahin geschrieben hat (Die Feuerrote Friederike, Die Kinder aus dem Kinderkeller, Mr. Bats Meisterstück, Die drei Posträuber, und Wir pfeifen auf den Gurkenkönig). Ihr typisch unkonventioneller Erzählstil, von sprachlichem Witz und Wienerischem Dialekt gefärbt, ist bereits unverkennbar. Der Preis würdigt ihr Werk nicht nur sprachlich, sondern auch dafür, dass es zu sozialer Phantasie und kritischer Distanz anregt (Bödecker, 2004). Den Preis bekommt sie also für ihre Erzählkunst, nicht für ihre Bilderkunst, obwohl sie zwei der erwähnten Bücher als gelernte Grafikerin noch selbst illustriert hat.
Spätestens jetzt ist sie in Österreich und Deutschland als Kinderbuchautorin etabliert. Bei der Preisverleihung in Hannover lernt Christine die gesamte deutsche Verlagsszene der Kinderliteratur kennen. Das legt den Grundstein für ihre internationale Karriere. Alle Preise, die eine deutschsprachige Kinderbuchautorin überhaupt verliehen bekommen kann, sollten in den nächsten Jahren folgen.

Quelle: Bödecker, H., Bödecker, I., & Somplatzki, H.
(2004). Autorenbegegnungen: 50 Jahre Leseförderung durch den Friedrich-Bödecker-Kreis. Königshausen & Neumann.

Kinderromane bis 1972

Im Kopf keine Hausfrau mehr

MutterVorKasten

Daheim in Wien versorgt sie nach wie vor ihre beiden Schulkinder und ihren Mann, der zwar weiterhin als Hotelportier zum Familieneinkommen beiträgt, sich selbst aber ebenfalls als Schriftsteller sieht. Die Rolle der Hausfrau bleibt ihr.

„Aber wirklich nahe ging mir das alles nicht. Der größte Teil meines Hirns war unentwegt mit dem Formulieren von Sätzen beschäftigt. Nicht nur wenn ich mit dem Kugelschreiber vor einem linierten Heft hockte, oder auf der quietschgrünen Olivetti tippte, war ich am Sätze basteln, auch wenn ich Zwiebeln schnitt oder im Gulasch rührte, einen Zipp in eine Hose nähte oder Einkaufen ging, staubsaugte oder das Klo putzte.“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

Das innere Kind

Christine ist mit ihren VerlegerInnen (Oetinger, Beltz und Gelberg, Jugend & Volk) meistens auch gut befreundet und bedient diese mit mindestens zwei bis drei Büchern pro Jahr.
Die Erzählungen, die in dieser Zeit entstehen, sind geprägt von phantastischen Elementen, die sie aber mit realen Beschreibungen der kindlichen Innenwelt verbindet. Das Kind, das ihr dabei Modell steht, ist ihr inneres Kind, die Erinnerung an ihre eigene Kindheit. Sie schreibt nur über Dinge, die sie kennt.

„Die (Erinnerung) mag falsch sein, denn die meisten Menschen erinnern sich an sich selbst nicht ganz objektiv, aber ich hätte nie gewagt zu behaupten, ich kenne meine eigenen Kinder. Oder meine Enkel. Ich hab Vorstellungen von ihnen, ich hab Erwartungshaltungen. Aber das einzige Kind, von dem ich glaube, es zu kennen, das bin ich selber als Kind.“

Gespräch mit Ute Wegmann anlässlich des 80. Geburtstags der Autorin

Dialekt

1974 erscheint der erste Band ihrer Dialektgedichte für Erwachsene (Iba de gaunz oaman Kinda). Es bereitet ihr Lust, in der Sprache ihrer Kindheit und für Erwachsene zu schreiben. Im Wiener Dialekt beschreibt sie eine traurige soziale Wirklichkeit, die sie Kindern nicht zumuten will. Die Gedichte werden erfolgreich im Radio gesendet und bald darauf als Buch aufgelegt. Weitere Bände folgen: Iba de gaunz oaman Fraun, 1976 und Iba de gaunz oaman Mauna, 1987.

MutterMitHut

Dialektbände

Die Familie verändert sich

Kartenspielen

Mit dem Erfolg als Schriftstellerin und dem damit verbundenen Einkommen ändert sich auch in der Familie einiges. Die Kinder – mittlerweile Jugendliche – werden immer selbstständiger, der Nö kann dank Christines schriftstellerischen Einkommens endlich seinen Hoteljob an den Nagel hängen und arbeitet als freischaffender Rundfunkjournalist. Ein uraltes Bauernhaus im Waldviertel wird gekauft und hergerichtet. Es wird ein zweiter Wohnsitz und über Phasen auch ein Rückzugsort der Nöstlingers.

Foto: Christine, Ernst und Christines Mutter beim Schnapsen im Waldviertel

Konrad

1975 schreibt sie ein weiteres Kinderbuch in der Tradition der phantastischen Bücher: Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse. Es erzählt von Erwartungen, die Eltern an ihre Kinder haben, von Freundschaften und vom Anderssein. Der Konrad wird eines ihrer bekanntesten Bücher und auch der vermutlich am meisten verwendete Stoff ihrer Erzählungen für weitere Bearbeitungen. Das Buch wurde als Hörspiel, Film, Theaterstück und Kinderoper auf internationalen Bühnen inszeniert, darunter als Musiktheater des Opernhauses Zürich.

Der Vater, ach.

Privat ist 1975 jedoch ein trauriges Jahr: Der geliebte Vater stirbt plötzlich und unerwartet daheim in der Wohnung in der Geblergasse. Er stirbt im Schlaf, die Mutter findet ihn in der Früh tot, will und kann es aber nicht begreifen und ruft Christine um Hilfe. Es ist ein trauriger Abschied.

„Und als ich dann dem dünnen und langen ... Mann, der sowas wie mein Lebensmensch gewesen war, die schwarzen Socken anzog, fing ich endlich zu heulen an, und heulte, bis die Träger von der Bestattung an die Wohnungstür klopften.“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

Foto: Christine und ihr Vater in früheren Jahren

MitOpaVorWandteppich

Dschi Dsche-i Dschunior

1979 war das UN Jahr des Kindes. Kindern und ihren Bedürfnissen sollte weltweit mehr Beachtung geschenkt werden. Aus diesem Anlass entwirft Christine den „Dschi- Dsche-i Dschunior“, eine Kunstfigur, deren Erlebnisse in einer Mini-Hörspiel-Serie an jedem Schultag im österreichischen Radio gesendet werden. Als Ratgeber für Kinder- und Schulnöte aller Art hilft der Wischer einer ganzen Generation Kinder und Erwachsener gegen den Morgenfrust.

1980 erscheinen die Wischerbriefe in Buchform. „Die Zeit“ schreibt darüber:

„Christine Nöstlinger hat mit der Wischer-Idee eine neue Form für die Kinderliteratur entdeckt, die kaum eindeutige Vorbilder hat. Nicht daß nicht immer wieder mit Sprache gespielt worden wäre, daß nicht immer wieder menschenähnliche Wesen an Stelle von Menschen aufgetreten wären. Aber hier hat etwas stattgefunden, das die Idylle vermeidet und trotz aller äußeren Andersartigkeit mittendrin ist.“

Quelle: https://www.zeit.de/1980/02/die-aus-lese

Zuhören, verstehen, trösten, bekochen

MutterMitTorte

Als Mutter lässt Christine ihren Kindern Barbara und Christiana jeden erdenklichen Freiraum, ist aber immer da, wenn sie gebraucht wird. Mit ihrer Empathie und Großzügigkeit wird sie auch für viele Freundinnen und Freunde der Kinder eine Art Ersatzmutter. Im Hause Nöstlinger ist immer jede(r) willkommen. Extrawurstsemmeln, Schnitzel oder  Kaiserschmarren werden zu den unmöglichsten Tageszeiten aufgetischt. Dabei weiß sie Rat für Berufswünsche, Studienprobleme, Politik, Liebeskummer. Das gilt auch für ihre eigenen Freundinnen und Freunde, sie hat immer ein offenes Ohr für die Sorgen der anderen. Besprochen werden diese meistens beim Essen, wenn Christine ihre Kochkünste zelebriert. Ihre Wiener Schnitzel oder ihre Schokoladenroulade Brigitte sind legendär, ebenso wie das kleine Mitternachtsgulasch.

1993 erscheint ihr literarisches Kochbuch Mit zwei linken Kochlöffeln als „kleine Animation für Küchenmuffel“. 1996 folgt ein Kochbuch für Männer, die nicht kochen können oder wollen (Ein Hund kam in die Küche), und 2003 Das kleine Küchen-A-B-C.

1980
2005
Die Buchstabenfabrikantin

Buchstabenfabrikantin

„Ich will Leute erreichen, sonst macht mir Schreiben überhaupt keinen Spaß.“

In den 80-er Jahren entwickelt Christine eine absolute Arbeitswut. Sie produziert am laufenden Band und bezeichnet sich mit Selbstironie als „Ein-Mann-Buchstabenfabrik“, „Gebrauchsliteratin“, „Vielschreiberin“ oder als „Schreibwerkstatt“. Sie definiert das Schreiben als ein Handwerk, das sie in möglichst guter Qualität abliefern will: Romane, Erzählungen, Gedichte und auch Beiträge für Radio, Fernsehen und Zeitungen.

Quelle: Sabine Fuchs: Christine Nöstlinger. Eine Werkmonographie. Dachs Verlag. S. 24

HeftUndBrille

Die Hans-Christian-Andersen-Medaille

1984 wird sie für ihr bis dahin erschienenes Gesamtwerk mit der Hans Christian Andersen Medaille ausgezeichnet. Verliehen von der IBBY, dem Internationalen Kuratorium für das Jugendbuch, gilt damals der Preis als der wichtigste Preis in der Kinder- und Jugendliteratur. Christine reiht sich damit ein in die Reihe berühmter SchriftstellerInnen und Vorbilder wie Astrid Lindgren (1958) und Erich Kästner (1960).

Romane

Im Gegensatz zu ihren früheren mit phantastischen Elementen ausgestatteten Geschichten erfindet Christine jetzt Figuren, die ausschließlich im realen Leben reale Probleme haben: Sie schreibt beispielsweise viele Romane für Kinder und Jugendliche, die  aus der Kinderperspektive von der Trennung der Eltern erzählen.

Franz und Mini

Da sind aber auch die Geschichten vom Franz (1984), der drei große Probleme hat: Er ist zu klein geraten für sein Alter, er schaut mit seinen blonden Locken wie ein Mädchen aus und seine Stimme ist piepsig, vor allem wenn er aufgeregt ist. Die Franz-Reihe umfasst 16 Bände, der letzte erschien 2011.

1992 erfindet sie die Mini, ein langes dünnes Mädchen mit roten Haaren, das ebenfalls so allerhand erlebt, worin sich Kinder wiederfinden können, zum Beispiel den ersten Schultag, das erste Verliebtsein, Ferien. Die Mini-Reihe umfasst ebenfalls 16 Bände, der letzte erschien 2007.

Einige Franz- und Mini-Bücher

Franz und Mini 2

Diese Bücher erscheinen manchen auf den ersten Blick weniger anspruchsvoll als Christines bekannte Romane, die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ schrieb später jedoch über diese Serien:

„Wer … die wahre Kunst der Mini-Bücher (und auch der Bücher vom Franz!) verstehen möchte, muss sie einem Kind in die Hand drücken, das eben erst flüssig zu lesen gelernt hat. Da ist jeder Satz so gebaut, dass er rasch erfasst werden kann, da findet man kein Wort, über das ein Volksschüler stolpern würde, die Länge ist optimal, die Geschichten sind aus ihrer Lebenswelt gegriffen. Und vor allem: Es gibt Nachschub! Deshalb der Rat an alle Eltern: Lest die Geschichten von Mini und Franz nicht vor. ... Wartet ab, und lasst die Kinder ihre Nöstlinger selber entdecken. ,Der Spatz in der Hand‘ und ,Rosa Riedl Schutzgespenst‘ kommen dann später.“

Quelle: Interview in der Presse von Katrin Nussmayr am 25.9.2019

Zeitungskolumnen

MutterAusDemFenster
© Foto Alexa Gelberg

Christine schreibt auch tägliche oder wöchentliche Kolumnen für verschiedene Zeitungen. Für deren Auswahl, wie z.B. die „Ganze Woche“ oder „Täglich Alles“, wird sie manchmal kritisiert, weil es sich um Boulevardblätter handelt. Sie findet jedoch, dass ihre Kolumnen dort gut aufgehoben sind, denn sie möchte Menschen erreichen, die selten oder nie Bücher lesen. Und sie möchte sich in die Politik einmischen, um dem bereits spürbaren politischen Drall nach rechts etwas entgegenzusetzen.

„Wenn man sich das zum Ziel gesetzt hat, ist es eigentlich selbstverständlich, für eine Zeitschrift zu schreiben, die viele Leser hat. Je mehr, desto besser. Da hat man gar nichts verloren in elitären Journalen ... mein Arbeitsethos liegt ja nicht darin, dem Herrn Sektionschef ein liebes Kopfnicken zu entlocken. Mir gibt es mehr, wenn mich Arbeiterinnen und Verkäufer, Hausbesorger, Lehrlinge und Bäuerinnen verstehen.“

Quelle: Sabine Fuchs: Christine Nöstlinger. Eine Werkmonographie. Dachs Verlag. S. 26

Niemandes Madl mehr

Täglich eine Kolumne zu schreiben und pünktlich abzuliefern, ist eine Herausforderung und bedeutet Stress. Bücher schreibt sie nebenbei auch noch. Ihre eigenen Töchter sind bereits erwachsen, jetzt aber beginnen sich die Rollen zwischen ihr und ihrer Mutter umzukehren. Der Mutter geht es gesundheitlich nicht mehr gut, sie muss zunehmend betreut werden.

1987 stirbt Christines Mutter. Die Sommer verbringt sie immer mit Christine und dem Nö im Waldviertel. Als sie eines Nachts dort zusammenbricht, muss sie mit der Rettung auf die Intensivstation gebracht werden. Dort stirbt sie nach drei Wochen im Koma.

„Die Ärzte versicherten mir, dass sie nichts sehe, nichts höre, nichts spüre. Ich glaubte ihnen, aber sooft ich an ihrem Bett stand, meinte ich, sie schaue mich zornig an, weil ich sie nicht in ihrem Bett hatte sterben lassen.
Keine Eltern mehr zu haben, daran musste ich mich erst langsam gewöhnen. Nun war ich von niemandem mehr ‚mein Madl‘“.

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

Pinocchio

1988 erscheint Der Neue Pinocchio, eine Zusammenarbeit mit dem spanischen Künstler Carlos Saura. Für Christine war das eine Möglichkeit, den Klassiker so zu bearbeiten, dass er von Kindern angenommen und verstanden werden kann. Den Pinocchio zu lesen und die Illustrationen anzuschauen, sollte Spaß machen:  Immer, wenn man meint, Pinocchio stehe vor einem guten Ende, passiert das Unerwartete. 1994 wurde dieses Buch in Spanien zum „Kunstbuch des Jahres“ gekürt.

Pinocchio_Saura

Oma werden

Christine und Enkel in Schönbrunn

1995 wird Christine Oma, ihre Tochter Christiana und ihr Schwiegersohn Patrick bekommen zuerst Nette und zwei Jahre später Nando. Obwohl sie in Konstanz wohnen, entwickelt sich spontan eine gute und liebvolle Beziehung zwischen der Oma und den Enkelkindern. In den Jahren darauf verbringen die Enkelkinder regelmäßig einen Monat in den Sommerferien bei den Großeltern im Waldviertel.

Endlich weniger produzieren

Privat ist das – alles in allem – eine Zeit, in der Christine das Leben genießen kann. Sie genießt ihren Erfolg und dass sie jetzt ein bisschen weniger arbeiten muss, oder nur mehr das, was ihr Spaß macht. Sie lädt gerne Freundinnen und Freunde ein, um sie zu bekochen, sie geht gerne auf Reisen, sie liebt Südtirol, Italien sowieso.

Sie sitzt aber auch gerne an warmen Tagen im Garten ihres Hauses im Waldviertel, genießt die Sonnenstrahlen und freut sich, wenn das Gemüsegartl Erdbeeren oder frischen Spinat hergibt.
Sie reist zu ihrer Tochter und den Enkelkindern, wenn ihr danach ist.

Der Nö zieht sich in diesen Jahren jedoch immer mehr zurück. Er leidet an einer Depression, die sich trotz verschiedenster Therapien nicht bessert.

Christine engagiert sich auch sozial und setzt sich von 1997 bis 1999 als Vorsitzende von „SOS Mitmensch“ für Flüchtlinge und Menschenrechte ein.

Astrid Lindgren Memorial Award

ALMABühne.

2003 bekommt Christine einen Anruf aus Schweden. Als sie hört, dass ihr der gerade erst ins Leben gerufene ALMA (Astrid Lindgren Memorial Award) verliehen werden soll, reagiert sie so:

„Ich saß wie etwas verwirrt  auf Wolke 7 ... und freute mich, von der Jury als ,Nicht-Erzieherin vom Kaliber Astrid Lindgrens‘ gelobt zu werden.“

Aus: „Glück ist was für Augenblicke“

alma2

Diesen ersten „Nobelpreis der Kinderliteratur“ teilt sie sich mit Maurice Sendak, einem von ihr bewunderten Zeichner. Die Jury begründet ihre Entscheidung damit, dass Christine vorbehaltlos auf der Seite von Kindern und AußenseiterInnen stehe. In ihrer Dankesrede bei der Preisverleihung in Stockholm reflektiert Christine über ihre Entwicklung als Kinderbuchautorin von der phantastischen Geschichtenerzählerin zur Realistin:

„Diese ,phantastische‘ Krücke habe ich seit vielen Jahren abgestellt, zwar jederzeit griffbereit, aber für meine Arbeit nicht mehr erforderlich. Weil ich kapiert habe – und dazu haben Astrids Bücher sehr viel beigetragen –, dass es gar nicht so sehr die Story ist, wegen der sich Kinder beim Lesen geborgen und getröstet und frei fühlen. Es ist die Sprache! Sprache kann zum Lachen und zum Weinen bringen, Sprache kann trösten, kann streicheln, kann das Gefühl von Geborgenheit geben, kann bewirken, dass man sich luftballonfrei fühlt.“

Die gesamte Rede

ALMA für Christine Nöstlinger und Maurice Sendak

2005
2018
Das Alter: Christine - eine moralische Autorität?

2005-2018 Text

Als Kinderbuchautorin wird Christine immer als große Antipädagogin beschrieben, als eine, die die Kinder nicht erziehen will.   

„Hören wir auf, Kinder unentwegt zu formen und zu stutzen, ihnen etwas vorzureden und einzureden ...“ Und es folgt dann für mich der schönste Satz dieser Rede: ,Schauen und hören wir einfach den Kindern beim Leben zu. Sie versuchen ohnehin mit aller Kraft, uns mit ihrer Art zu denken und zu fühlen vertraut zu machen. Sie erfinden Geschichten für uns, sie spielen uns was vor, sie sind unermüdlich bemüht, uns Einblick in ihr Denken und Fühlen zu geben.‘“

Quelle: Beltz

Angeblich „herrlich grantig“

Christine wird für von vielen für ihren „Wiener Schmäh“, ihren trockenen Humor und ihre Solidarität mit den Randfiguren der Gesellschaft geschätzt. Aufgrund ihres Schaffens, aber auch ihrer Persönlichkeit, strahlt sie für viele eine moralische Integrität aus, die im Kontext einer neoliberalen Politik vermisst wird.

Christine auf ihrer Terrasse

MutterAufBalkon

Schon etwas erreicht

Christine wird zu einer moralischen Autorität, weit über die (Kinder-)Literatur hinaus. Oft wird sie um einen Kommentar zum herrschenden Zeitgeist gebeten, vor allem, wenn es um die Frage geht, was von den Utopien der 70er-Jahre übrig geblieben ist, z.B. von der Frauenbewegung:

„Na einiges. Sachen wie die Fristenlösung könnten heute nicht mehr rückgängig gemacht werden und viele Errungenschaften, die mit der Familienrechtsreform der 70er Jahre festgeschrieben wurden, sind heute für Frauen selbstverständlich … vorher musste man zum Beispiel verheiratet sein, wenn man nach einer Geburt länger als acht Wochen bei seinem Kind daheim sein wollte. Sonst hatte man keine Krankenversicherung.“

Quelle: frauen.spooe.at

Eine klare Sicht

Sie sieht zwar die ihr zugeschriebene moralische Autorität mit Selbstironie („Ich bin doch kein Guru!“), aber wenn sie gebeten wird, zu wichtigen Themen Stellung zu nehmen, nimmt sie das sehr ernst. So wird sie 2015 gefragt, im Österreichischen Nationalrat die Gedenkrede zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen zu halten. Sie warnt vor Rassismus und Fremdenfeindlichkeit:

Eine klare Sicht 2

Video-Preview

„Vielleicht ist es ja so: Über den allgemein bekannten sieben Hautschichten hat der Mensch als achte Schicht eine Zivilisationshaut. Mit der kommt er nicht zur Welt. Die wächst ihm ab Geburt. Dicker oder dünner, je nachdem, wie sie gepflegt und gehegt wird. Versorgt man sie nicht gut, bleibt sie dünn und reißt schnell auf, und was aus den Rissen wuchert, könnte zu Folgen führen, von denen es dann betreten wieder einmal heißt: ‚Das hat doch niemand gewollt!‘“

Mit dem Abspielen des Videos akzeptieren Sie die Nutzungsbedingungen von YouTube.

Resignation

Auch wenn sie sich selbst als heitere Pessimistin bezeichnet, machen sie die politische Lage und der Zustand der Welt traurig. In Interviews erwähnt sie, dass sie sich in den 70er- und 80er Jahren nie hätte vorstellen können, dass sie noch einmal eine derart reaktionäre Zeit erleben muss. Der Rechtsruck in Europa lässt sie resignieren:

„Je älter ich werde, desto weniger weiß ich Sachen. Weil ich immer mehr darauf komme, dass die Sachen, die ich früher geglaubt habe, nicht stimmen …
Ich frag mich oft, wie blöd darf man sein. Dauernd muss ich Verständnis haben für die Sorgen der Menschen. Meistens informieren sich diese Menschen nicht, schauen nicht einmal Zeit im Bild. Es gibt doch bitteschön auch gegenüber der Gesellschaft eine gewisse Bringschuld, man muss sich informieren.“

Quelle: kontrast.at

 

Altern ist nicht schön

Privat muss sich Christine spätestens seit ihrer Brustkrebsoperation mit Alter, Krankheit und Verlust der körperlichen Integrität auseinandersetzen.
2007 erleidet der Nö einen schweren Gehirninfarkt, ist halbseitig gelähmt und verliert sein Sprachvermögen. Nach einem halben Jahr vergeblicher Rehabilitation stellt sich heraus, dass er rund um die Uhr gepflegt werden muss.
Nun lebt Christine allein. Sie zieht noch ein letztes Mal in Wien um, in eine Dachwohnung im 20. Bezirk mit Lift, in die Nähe der Tochter Barbara. Der Nö stirbt 2009.

Foto: Der Nö und Christine im Waldviertel, © Alexa Gelberg

MuttiVatiFensterWaldviertel

Altern ist nicht schön 2

Auch ihre eigenen Gesundheitsprobleme nehmen zu, sie jammert aber kaum darüber. Schon gar nicht bei Personen, die ihr nahe stehen. Sie arrangiert sich mit den zunehmenden Einschränkungen und bewahrt sich, wo immer sie kann, ihre Autonomie. 

Auch wenn der Körper nicht mehr so tut, wie er soll, ihr Verstand tut das sehr wohl. Sie geht den Beschäftigungen nach, die sie gerne tut, wie zum Beispiel Lesen oder jeden Donnerstag das „Die Zeit“-Kreuzworträtsel lösen.

Keine Kinderromane mehr

Natürlich schreibt sie jetzt weniger, und immer weniger für Kinder. Die eigenen Enkelkinder sind ja mittlerweile auch schon Jugendliche, und da sie altersbedingt auch keine Lesungen mehr auf sich nimmt, geht der direkte Kontakt zu Kindern immer mehr verloren.

„Jetzt schreibe ich nur mehr, was mir Spaß macht. Für kleine Kinder kann ich noch gut schreiben. Für ältere traue ich mich das nimmer. Man muss ein Jugendbuch aus der Sicht der Helden schreiben. Ich habe wirklich nix gegen die heute Zwölf-, 13-, 14-Jährigen. Aber ich verstehe sie nicht. Dieses ewige Starren auf ihre Smartphones und das Herumwischen …“

Quelle: News

„Ich hätt eh nie geglaubt, dass ich 80 werde“

MutterUnterRingel

2016, anlässlich ihres 80. Geburtstags, wird Christine in Österreich und international gefeiert. Sie gibt noch einmal viele Interviews, darunter eines, in dem sie sehr offen über Krankheit und Tod spricht:

„Am liebsten würde ich ewig leben. Ich bin da ganz der Meinung von Elias Canetti, der Tod ist die größte Frechheit, die man einem Menschen zumuten kann.
Aber es kommt auf den Zustand an. Mir geht es gesundheitlich nicht sehr gut. Das Herz will nicht, der Puls ist doppelt so hoch, wie er sein soll, die Knochen sind porös. Aber das Leben ist trotzdem noch ganz lustig. Wenn es einmal wirklich grauslich wird, werde ich schon ein Ende finden. Es soll nur niemand anderer über meinen Tod entscheiden dürfen. Und ich möchte auch niemanden anderen damit belästigen. So etwas soll man schon mit sich selber erledigen. Man muss nur den Zeitpunkt erwischen, solang man es noch kann.“

Quelle: News

Noch einmal im Dialekt

Bis kurz vor ihrem Tod arbeitet sie noch an Gedichten im Wiener Dialekt („Ned das I ned gean do warat“), die sich neben anderen Themen auch mit dem Alter und dem Tod auseinandersetzen. 

Der Gedichtband erscheint nach ihrem Tod im April 2019 im Residenzverlag, grafisch gestaltet und illustriert von Barbara Waldschütz.

Leider

Christine stirbt am 28. Juni 2018 in Wien im Alter von 81 Jahren. Die Nachrufe würdigen sie weltweit: NYT, Washington Post, Corriere della Sera, etc.

Julya Rabinovich in der Zeit Online vom 18. Juli 2018:

„Eine herrlich bissige Grantlerin, deren Worte doch meistens sehr treffend gewählt waren. Bis zu ihrem Tod sparte sie nicht mit Kritik an der politischen Landschaft in Österreich, bis zum Schluss kämpfte sie gegen den Rechtsruck. In einem Interview bedauerte sie zuletzt, die Rückkehr der Mitte nicht mehr erleben zu können. Das klang resigniert; es schmerzte mich, diese Kämpferin in dieser Stimmung zu erleben. Aber ihre Einschätzung war leider genauso realistisch wie ihre Schilderung der Lebensumstände ihrer Heldinnen und Helden – auch wenn diese immerhin mit einem Schuss Fantastik rechnen konnten.

Manchmal stelle ich mir vor, dass Christine Nöstlinger doch noch da ist. Mit fliegendem, feuerrotem Haar auf einem Dachboden lebt und schreibt. Einfach weiterschreibt. Weil, wie Rosa Riedl, Schutzgespenst es gesagt hat: ,Wenn einer etwas so dringend zu erledigen hat wie ich damals, wenn einer so zornig und wütend ist, dann kann der nicht richtig sterben, weil er keine Ruhe hat.‘“